WIE JEDEN SAMSTAG, SONNTAG
(Beitrag und 5. Platz für den „alles inklusive“ FM4-WORTLAUT 2002
Kurzgeschichtenwettbewerb.)
Sonntag.
Gerard.
Fünf kühle Flaschen Puntigamer-Bier vom Wirtn in einem schwarz-gelben
Mondo-Sackerl in Gerards, im Gegensatz zu seinem Körper, sanft schwingender
Hand. Der Körper nämlich schwankt, beträchtlich und bedenklich. Gerard ist
stockbesoffen. Wie jeden Sonntag Nachmittag, das gehört dazu. Er geht jetzt
heim, wird sich vor den Fernseher setzen, auch das ein Ritual. Seine Mutter
wird nicht meckern, sie bekommt nichts mit. Gerard wird die fünf Flaschen vom
Wirtn auch noch trinken, dann wird er schlafen, vor dem Fernseher.
Gerard
wankt. Er streift links mal an eine Hauswand, der Gehsteig gehört ganz ihm.
Seine Erinnerung ist verschwommen und eigentlich mehr ein Gefühl. Zwei Gefühle:
Hass auf Schnallen-Hansi und Liebe zum Schweinderl. Die Erinnerung ist die an
den gestrigen Abend, den sie, wie immer am Samstag, im Disko-Tempel verbracht
haben, alle gemeinsam.
Wäre
Schnallen-Hansi jetzt hier, Gerard würde ihn umbringen, auf der Stelle, ganz
brutal nieder prügeln, bis das Blut aus den schon gegebenen und den neu
zugefügten Körperöffnungen rinnt, in Strömen. Der Neid frisst ihn, den Gerard
und erzeugt eine solche Wut in ihm, wie er das gar nicht kennt von sich. Jetzt
hat dieser Arsch von Schnallen-Hansi das Schweinderl gevögelt, die geile Sau.
Mitgegangen mit ihr ist er, die blöde Scheiß-Kuh hat ihn mitgenommen. Und er?
Der Gerard? Nichts! Wieder nichts!
Gerard
versucht aufzustehen. Er ist nämlich gestürzt. Den Flaschen ist nichts
passiert, aber alleine aufstehen auch nicht mehr so einfach. Er sitzt an die
Wand gelehnt, die Beine von sich gespreizt und schlägt nach einer Weile mit der
Faust auf den Asphalt. Nein, fesch ist es nicht, das Schweinderl. Er weiß noch
immer nicht, wie sie eigentlich heißt, aber aufgefallen ist sie ihm gleich,
sofort als sie das erste Mal mit ihrer Schwester, oder wer das ist, den
Disko-Tempel betreten hat, an einem Samstag Abend, schon vor einer ganzen
Weile. Und von da an war sie eh immer da, mit ihrer Schwester, oder wem, und
ihren Freundinnen, zwei oder drei, immer wenn der Gerard auch da war. Nur
angesprochen hat er sie natürlich nicht, das hat er sich nicht getraut, der
Gerard, er ist nämlich recht, recht schüchtern und redet grundsätzlich nicht
viel. Er ist ein stiller Trinker, aber nicht allzu gewalttätig, das eigentlich
nicht.
Der
Schnallen-Hansi war natürlich auch da, gestern abend, auch wie immer – wenn er
nicht gerade krank ist, aber Trinker sind ja nicht so oft krank, im Allgemeinen.
Das Schweinderl trinkt ja nicht so viel, schon was, aber allzu viel verträgt
sie ja auch gar nicht. Der Schnallen-Hansi lässt schon was runter, der kann
schon was schlucken, aber fett ist er trotzdem immer. Bei dem summieren sich
die Liter schon übers ganze Leben, keine Frage, vor allem die Cola-Whisky. Aber
ein Freund vom Gerard ist er eigentlich keiner. Ja man kennt sich vom
Disko-Tempel halt und trinkt mal was gemeinsam, wenn der andere zahlt, aber ein
echter Freund vom Gerard ist der Schnallen-Hansi nicht. Ein guter Bekannter
schon, aber kein Freund. Jetzt ist er aber eigentlich nicht einmal mehr das,
der furzende Arschhund.
Gerard
kämpft sich hoch auf die Beine, die eigenen, die schwer sind. Er benützt die
Hauswand um sich abzustützen, steht wieder und schwankt weiter, dem Fernseher
zu und den fünf Flaschen Bier, die ihn werden vergessen lassen. Vorerst.
Der
Disko-Tempel ist eigentlich eine sehr verkommene Grind-Hütte, düster, mit einem
schlampig verlegten Kunstholz-Parkett und fingerbreiten Fugen. Ein schmaler
Raum mit langer, zentraler Bar. An beiden Seiten sitzen verkommene Typen,
wenige meist, denn die glorreichen Zeiten des Disko-Tempels sind schon längst
vorüber. Aus der rauschenden Musikanlage tönen laute Schnulzen und
Mitgrölschlager aus vergangenen Zeiten. Die Besucher mögen das. Vor allem der
Schnallen-Hansi, weil mit der Musik kennt der sich schon aus. Und wenn er mal
in Fahrt ist und wieder so ein alter Hadern aus den Boxen dröhnt, dann kommt es
schon mal vor, dass der Schnallen-Hansi seine Luftgitarre auspackt und mit ihr
über die Tanzfläche wirbelt: „Nanananana – liveislive – nanananana.“ Am Ende
des langen Tresens gibt es nämlich auch so etwas wie eine kleine Tanzfläche,
sogar mit Diskokugel. Und dann gibt es da auch noch einige plüschige Fauteuils
ganz hinten, vom Ikea, mit abgenutztem Stoff, einst grelle Farben, die schon
deutlich an Glanz verloren haben.
An
einem Ende des Tresens, gleich an der Tanzfläche, sitzt Schnallen-Hansi, wie
jeden Samstag.
Cola-Whisky,
fortgeschrittener Abend.
Irgendwo
nicht unweit, auch mit Cola-Whisky, auch auf einem Barhocker sitzt Gerard, der
aber allein. Schnallen-Hansi hat einen Freund bei sich, den er vom Hackeln
kennt und mit dem man ihn öfter mal im Disko-Tempel sieht. Der ist genauso
ausgezehrt wie Schnallen-Hansi, nur Haut und Knochen und sehr schütteres Haar,
er ist aber größer, bald einen Kopf. Die zwei haben schon einiges gekippt.
Spaßig haben sie es.
Schräg
gegenüber, Richtung Eingang zu, auf der anderen Seite der Bar sieht man das
Schwesterl vom Schweinderl und da ist auch das Schweinderl selbst und noch
zwei, drei Freundinnen, unwesentliche Typen. Alle haben also Stellung bezogen.
Schnallen-Hansi schaut rüber und sieht das Schwesterl vom Schweinderl und auch
das Schweinderl selbst und sieht auch, dass sie Campari-Sodas oder so was
trinken und es recht lustig haben.
„Die
Welt, wie wir sie kennen“, sagt der Freund vom Schnallen-Hansi zum
Schnallen-Hansi, „ ist ein hochdynamisches System: das Wetter, die Verteilung
der Gase in der Atmosphäre, die geologischen Bedingungen. Aber in einem
größeren Maßstab betrachtet, sind doch alle Parameter weitgehend und
langfristig stabil und variieren nur geringfügig. Dass sich all diese Parameter
im Moment gerade in einem Bereich bewegen, der Leben, ja gar menschliches Leben
auf diesem Planeten ermöglicht, wird nicht immer so bleiben. Wir sollten immer
bedenken, dass der Mensch kein Wesen für die Ewigkeit ist, nicht mal die Erde
als solche bis in alle Ewigkeit Bestand hat, nur ihre Atome, aus denen sie aufgebaut
ist. Aber vielleicht“, fügt er noch bedeutungsschwanger und nach einer
angemessenen Pause hinzu, „vielleicht sind ja auch die Atome nur eine von
vielen möglichen Erscheinungsformen der, was weiß ich: Materie, Energie; und
vielleicht sind nicht einmal diese die Konstanten der Welt. Vielleicht gibt es
so was gar nicht.“
Schnallen-Hansi
hat nicht zugehört. Er starrt schon seit geraumer Zeit zum Schweinderl und
ihrer Schwester hinüber, die sich im Übrigen recht ähnlich sehen.
„Super“,
sagt Schnallen-Hansi.
„Was?“,
fragt sein Freund.
„Super
Dirndl.“
„Wer?“
„Das
Schweinderl“, antwortet Schnallen-Hansi und deutet mit dem Kopf in ihre
Richtung. „Und ihre Schwester auch.“ Auch Schnallen-Hansi kennt ihren richtigen
Namen nicht, was aber nicht wichtig ist, denn jeder hier im Disko-Tempel kennt
sie unter dem Pseudonym Schweinderl, was sich auf ihr Aussehen bezog, ähneln
ihre Gesichtszüge doch wirklich denen eines Schweines. Das sieht das
Schweinderl naturgemäß nicht so und da es auch nicht weiß, woher dieser Spitzname
rührt, hat sie auch nichts gegen dessen Verwendung, auch nicht im direkten
Gespräch mit ihr.
Der
Schnallen-Hansi ordert zwei Campari-Soda, „oder was die halt trinken“, und eine
Kellnerin stellt sie vor das Schweinderl und ihre Schwester: „Vom Hansi.“
Die
beiden kichern verlegen, auch ihre zwei, drei Freundinnen, die leer ausgehen.
Eine Weile wird getuschelt, dann nimmt das Schweinderl ihren Mut zusammen und
ihr Getränk in die Hand und geht rüber zum Schnallen-Hansi.
„Und
ab“, sagt der noch zu seinem Freund im
Befehlston, als er das Schweinderl auf ihn zusteuern sieht, und schon ist
dieser verschwunden, wortlos, zu anderen Trinkern.
„Hallo
Hansi“, eröffnet das Schweinderl den Dialog.
„Servus
Schweinderl“, grüßt Schnallen-Hansi zurück, ohne sich auch nur einen Moment
darüber im Klaren zu sein, dass er das Mädchen mit dieser Anrede hätte zutiefst
beleidigen können. Aber das Schweinderl ist nicht beleidigt, ist sich der
mehrfachen Deutungsmöglichkeit ihres Spitznamens ebenfalls in keinster Weise
bewusst und es ist ihr jetzt auch völlig egal. Alle Buben nennen sie
Schweinderl und sie ist doch schon zufrieden, wenn sie nur mit einem Buben
zusammen sein kann, was nicht so häufig war, denn die meisten der Buben scheren
sich nicht viel um sie. Sie ist weder hübsch, noch interessant, noch gescheit.
Reich schon gar nicht. Da freut es sie umso mehr, als dass ihr der
Schnallen-Hansi einen Drink spendiert, und der ist doch nicht einmal mehr ein
Bube, sondern schon ein Mann. Schnallen-Hansi ist 43.
„Danke
für den Campari.“ Schnallen-Hansi bestellt sich noch ein Cola-Whisky. Sie
trinken gemeinsam. Schnallen-Hansi zahlt dann noch eine Runde, dann ist das
Schweinderl dran.
Auch
Gerard bestellt sich zeitgleich mit Schnallen-Hansi und dem Schweinderl seine
Drinks, Cola-Whisky. Er beobachtet das Geschehen, seit er bemerken musste, das
sich das Schweinderl aus ihrer gewohnten Kompagnierie gelöst hat und zum
Schnallen-Hansi wechselte. Der Gerard ist innerlich erregt. Etwas stimmt nicht,
hier im Disko-Tempel. Etwas nimmt beim besten Willen nicht seinen gewohnten
Lauf. Nach dem dritten gemeinsamen Campari-Soda und Cola-Whisky von
Schnallen-Hansi und dem Schweinderl wird es dem Gerard zu bunt. Er hat wieder
diese Wut in sich, diese spezielle Wut, die er schon von Kindheit weg hat. Er hätte
zu diesem Zeitpunkt auch sein Glas mit den bloßen Händen zerdrücken können.
Stattdessen wandelt er seine destruktive Wut in Mut um, steht auf und wechselt
seinen Platz. Einige Meter weiter, bei Schnallen-Hansi und dem Schweinderl
findet er sich wieder und stört ihr holpriges Gespräch.
„Die
mag ich gern, die Campari-Soda, grad jetzt im Sommer, die erfrischen so schön“,
sagt das Schweinderl zum Schnallen-Hansi.
„Trink
du nur dein Weibergsöff, ich steh’ auf Cola-Whisky. Weil wenn ich was trink,
dann muss es schon was g’scheites sein auch“, antwortet ihr dieser. „Erfrischt
bin ich eh so auch genug.“
„Ich
werd da immer gleich ganz ang’soffen, wenn ich solche Sachen trink, da brauch
ich nicht viel, weißt?“ Das Schweinderl ist ziemlich unsicher und macht einen
scheuen Eindruck auf Schnallen-Hansi. Diesen macht das umso sicherer.
„Vor
einem Monat war ich mit der Linda auf Urlaub, in der Türkei, all inclusive. Da
haben wir schon hin und wieder auch was Stärkeres getrunken, weil da hat’s ja
nix gekostet, aber meistens trotzdem Campari-Soda. Das war schon toll“, erzählt
das Schweinderl.
„Aha“,
ist der Schnallen-Hansi gerührt. „Und rauchen tust auch nix? Ich rauch in
letzter Zeit ganz schön was z’sam.“ Er hält dem Schweinderl ein halbvolles
Memphis-Schachterl hin, diese zupft eine Zigarette heraus und hat im selben
Moment ein Feuerzeug aus ihrer kleinen Kinderhandtasche hervorgekramt, mit dem
sie sich die Tschik anzündet.
„Jö,
eine Memphis!“
„Geh,
kann ich auch eine?“ Inzwischen ist Gerard bei den beiden eingelangt und
schnorrt den Schnallen-Hansi um eine Zigarette an. Der verdutzte
Schnallen-Hansi hält auch dem Gerard sein Zigaretten-Packerl hin und zündet
sich dann auch selbst eine Memphis an.
„Grüß
euch“, beginnt der Gerard höflich.
„Du
bist der Gerald, gell?“, fragt das Schweinderl nach.
„Ja.
– Wollt’s noch was trinken?“, macht er sich wichtig und deutet ohne auf die
Antwort zu warten die Kellnerin herbei.
„Zwei
Cola-Whisky und...?“, zeigt Gerard fragend auf das Schweinderl. Vom
Schnallen-Hansi weiß er, weiß man, was der trinkt. Das hat er oft genug erzählt
und sehen konnte man es ja auch immer wieder.
„Na
ein Campari-Soda hätte ich noch gern.“
„...und
ein Campari-Soda!“
Damit
ist ihnen der gemeinsame Gesprächsstoff dann eigentlich auch schon ausgegangen.
Als die Getränke kommen, prosten sie sich zu, dann lauschen wieder alle
hingebungsvoll der Musik und wippen mit den Füßen im Takt. Dazu trinken sie,
die Männer flotter, in wenigen Zügen, das Mädchen zieht hin und wieder am
Strohhalm, kleine stetige Schlucke.
Wie
sie das Getränk geleert hat, winkt sie kurz hinüber zu ihrer Schwester und den
Freundinnen, die die Situation vom anderen Ende des Raumes aus genau
beobachten.
„Du,
ich komm gleich“, sagt sie zum Schnallen-Hansi und ist sogleich verschwunden,
rübergegangen zu ihren angestammten Begleiterinnen. Schnallen-Hansi ist
abermals verdutzt und auch enttäuscht, der Abend nimmt nun nicht unbedingt den
Verlauf, den er als einen günstigen betrachten würde. Jetzt sitzt er alleine da
mit dem Gerard, das kann ja noch toll werden, der trinkt nur und redet nichts.
Niedriger Spaßfaktor. Aber vielleicht kommt sie ja wirklich noch mal zurück,
die Kleine. Er gibt die Hoffnung nicht auf.
„Gerard“,
fährt er diesen zwischenzeitlich schroff an, „was willst du denn da? Du
störst!“
„Aber
ich wollt’ euch ja nur auf ein Trankl einladen.“
„Aber
ich hab ja ein Rendez-vous“, er spricht das französische Wort völlig falsch
aus, etwa so, wie man es schreibt; Gerard stößt sich nicht daran, er weiß es
nicht besser.
„Siehst
du nicht, dass du störst?“ Aber genau das ist Gerards unausgesprochenes Begehr
und so überhört er die Frage denn auch geflissentlich.
Das
Schweinderl tuschelt indes mit der Schwester und den Freundinnen, die Köpfe
richtiggehend zusammengesteckt.
„Ich
zahl dir noch was und wenn das Schweinderl wiederkommt, dann ab!“ Er bestellt
zwei weitere Cola-Whisky und bietet dem Gerard eine weitere Memphis an. Dieser
nimmt beides dankend an, ignoriert im Weiteren den Bestechungsversuch aber
anstandslos. Im Gegenteil, er bestellt zwei weitere Drinks und hält dem
Schnallen-Hansi nunmehr ein fast volles Päckchen Zigaretten hin.
Schnallen-Hansi fühlt sich provoziert (ohne dieses Wort zu kennen) und glüht im
Inneren vor Wut. Derweilen beratschlagen die Damen immer noch, bald schon aber
löst sich das Schweinderl und kommt zu den beiden zurück. Schnallen-Hansis
Erregung senkt sich zur Hälfte, eine Sorge weniger, sie ist wieder da, die ist
zurückgekommen. Jetzt noch den Gerard loswerden. In einem kurzen Augenblick,
als das Mädchen wegschaut, faucht er ihn an und macht eine abweisende, dann
eine drohende Handbewegung. Der Gerard bleibt ungerührt.
Schnallen-Hansis
Großzügigkeit ist heute Grenzenlos. Er bestellt abermals, aber nur noch für
sich und das Schweinderl.
„Ein Cola-Whisky, ein Campari-Soda!“
„Nein,
für mich auch ein Cola-Whisky!“, wirft das Schweinderl ein. Äußerlich cool und
gelassen, grinst Schnallen-Hansi innerlich wie ein gewaschener Teddybär, oder
so.
Rumsch,
schon ist es auch schon wieder ausgetrunken. Und dann noch eins und noch eins.
Der Gerard versorgt sich indes synchron selbst. Hinten bleibt er nicht, und weg
geht er auch nicht. Die Intervalle zwischen den Getränken werden kürzer, dessen
Haltbarkeit in den Händen der drei genauso.
Schnallen-Hansis
Mut und Zuversicht ist im Wachsen. Und langsam wagt er es denn auch, ungestört
durch Gerards Gegenwart, näher an das Schweinderl heranzurücken. Und gerade als
sich eine eher langsame und schmalzige Schnulze auf den Plattenteller des
Disko-Tempel DJs verirrt, da wagt er es und legt seinen Arm geschmeidig um die
Hüfte vom Schweinderl, das nur sehr kurz zusammenzuckt, eigentlich unmerklich.
„Schön,
gell?“, schreit er ihr ins Ohr.
Sie
lächelt ihn dümmlich an. Schnallen-Hansi weiß nun, dass er schon gewonnen hat,
dass er sie hat. Aus der einseitigen und eigentlich unbeholfenen Umarmung wird
langsam ein gemeinsames Schunkeln im Takt der Lieder. Gerard sitzt noch immer
neben den beiden, die sich nicht mehr um ihn kümmern. Er muss nun einschreiten
und aktiv werden, sonst sieht er das Schweinderl verloren, gerade an den Deppen
von Schnallen-Hansi. Seine Unruhe wird heftiger.
„Was
machst denn du?“, ergreift er die Initiative, indem er das Wort an das
Schweinderl richtet.
„Hmm?
Was bitte?“
„Na,
was du arbeitest?“
„A-so.
Na, ich bin in einem Stoffgeschäft in F.“, antwortet sie. Von Stoffen konnte
sie aber nur wenig Ahnung haben, so hässlich und minderwertig ist der von ihrer
Bluse, die sie trägt.
„Ach
so“, war Gerard schon zufrieden.
„Und
du?“
„Ich
bin am Bau, in Wien, Gasrohre.“
„Na
da verdient man eh nicht schlecht“, merkt das Schweinderl an.
Schnallen-Hansi
ist angewidert. Der magische Moment des langsamen Schunkelns, der rhythmischen
Berührungen der Oberkörper hat geendet. Er gibt seinen Unmut Ausdruck, indem er
die Umarmung aufhebt und vom Hocker springt.
„Sollen
die reden“, denkt er sich, „die gehört eh schon mir.“ Auch die Blase fordert
ihren Tribut und Schnallen-Hansi nutzt die Gelegenheit. Der Gerard und das
Schweinderl bleiben alleine zurück. Der Gerard riecht noch einmal seine Chance.
„Und
was machst sonst so?“, fragt er sie.
„Na,
eh nix.“
„Gehst
gern am Sportplatz?“
„Nein!
Eis essen geh ich gern, mit meinen Freundinnen.“ Sie mussten offensichtlich
wirklich recht viel Eis essen, sowohl sie als auch ihre diversen Freundinnen
waren recht pummelig.
„Ja
können wir ja einmal gehen, wennst willst.“
„Vielleicht
einmal, was weiß man.“
„Und
die da drüben, das ist deine Schwester?“
„Ja,
meine ältere Schwester, die Linde.“
„Und
was macht die?“
„Friseurin
is’ sie, also sie lernt Friseurin, da in G.“
„Ach
so. Na ich geh nicht gern zum Friseur.“
„Solltest
aber!“ Das Schweinderl lacht.
Schnallen-Hansi
ist zwischenzeitlich von der Toilette wiedergekehrt, aber kurzfristig und
vorübergehend bei einem Bekannten hängengeblieben, den er von seiner Eroberung
erzählen musste und dem er bei dieser Gelegenheit ein Cola-Whisky spendiert,
worauf sich dieser natürlich gerne mit einer weiteren Runde revanchiert.
„Magst
noch was trinken?“, fragt der Gerard das Schweinderl.
„Nein!
Ich hab’ eh schon genug, ich spür’s eh schon schön, mehr sollt’ ich echt
nicht.“
Der
Gerard ordert sich noch ein Cola-Whisky.
„Na
eines nehm’ ich doch noch“, mischt sich das Schweinderl in die Bestellung ein.
„Also
zwei“, sagt der Gerard zur Kellnerin, die artig mischen geht.
„Hast
einen Freund?“, fragt er noch beim Schweinderl nach.
Sie
schaut eine Weile verdutzt, lacht dann auf und antwortet: „Nein, und du?“ Sie
lacht weiter.
Der
Gerard fühlt sich verarscht und antwortet nicht.
„Hast
schon mal einen gehabt?“, wagt er es dann doch weiter zu fragen.
Schroffe
Antwort: „Das geht dich aber schon gar nichts an!“
Eine
längere, ungute Pause bricht an. Erst der Schnallen-Hansi kann die Spannung
durch seine Rückkehr etwas auflösen. Das Schweinderl lacht ihn an und freut
sich, dass er wieder da ist.
„Hast
schon wieder was zu trinken? Na da geht’s ja nicht schlecht. Soviel sollts ihr
Frauen ja nicht“, spricht er das Schweinderl an, nimmt ihr Glas vom Tresen und
sauft es mit einem Zug aus. Er ist jetzt schon merkbar angeschlagen.
„Jetzt
bin ich dran“, sagt das Schweinderl etwas später und winkt die Kellnerin
herbei.
„Drei
Cola-Whisky“, lautet ihre Bestellung.
„Aber“,
wirft der Schnallen-Hansi ein, „zwei reichen! Der mag eh nix mehr.“ Er deutet
auf den Gerard.
„Na
dann halt nur zwei“, wagt es das Schweinderl nicht zu widersprechen.
So
saufen und rauchen sie denn noch eine geraume Zeit parallel und räumlich dicht
nebeneinander die gleichen Mengen, aber doch unabhängig voneinander, der
Schnallen-Hansi mit dem Schweinderl und der Gerard. Auch dieser spürt schon die
anheiternde Wirkung des billigen industriellen Fusels. Und der Schnallen-Hansi
ist schon so locker, dass er bereitwillig eine seiner berühmten
Luftgitarren-Solo-Shows abliefert. Erst nur für das und vor dem Schweinderl,
bald aber schon auf der Tanzfläche. Den Kopf gesenkt, die langen Haare im
Gesicht bearbeitet er mit bemerkenswerter Hingabe sein imaginäres Instrument,
völlig außer Takt zur Musik der Lautsprecher. Er steigt auf der Tanzfläche wie
ein Keith Richard und stößt ständig bei den wenigen ernsthaften Tänzerinnen an,
die sich zwar nicht stören lassen, aber auch nicht wirklich begeistert sind vom
Schnallen-Hansi seiner Darbietung. So kennt man ihn. Das Schweinderl schaut ihm
mit großen Augen und einer ehrlichen Begeisterung zu. Sie amüsiert sich.
Der
Gerard amüsiert sich nicht. Er ist verärgert, über sich, über den
Schnallen-Hansi, auch über das Schweinderl, das ihm nicht und nicht
entgegenkommt, nicht einmal die geringste Aufmerksamkeit schenkt, geschweige
denn Interesse. Trotzdem bleibt er hartnäckig bei den beiden sitzen.
Völlig
packt ihn die Wut, als Luftgitarren-Hansi das Schweinderl mit einem kräftigen
Ruck an der Hand, den man ihm vom Kraftaufwand her gar nicht zugetraut hätte,
zu sich auf die Tanzfläche bugsiert. Aber auch sie ist nicht mehr zu halten und
tanzt inbrünstig mit Schnallen-Hansi, beide ohne das geringste Bewegungsgefühl.
Der
Gerard schickt tödliche Blicke in Richtung des Schnallen-Hansi. Er säuft
alleine weiter und sogar noch verstärkt. Nach einer Weile springt er auf,
schießt auf die Tanzfläche und drängt sich zwischen den Schnallen-Hansi und das
Schweinderl. Sie hat jetzt mit ihm zu tanzen, egal ob sie will oder nicht. Sie
bewegt sich ungeschickt weiter, den Schnallen-Hansi drängt der Gerard ab, aber
dem war das gerade recht, er hatte ohnehin genug.
Schnallen-Hansi
bestellt sich noch ein Getränk, ja richtig durstig ist er nach der Bewegung und
der Aufregung. Er schaut den beiden zu und nun versteht er plötzlich auch,
erfasst in einem kurzen, hellen Moment, warum dieser ungeschickte Gerard noch
immer bei ihnen sitzt, obwohl sowieso keiner Notiz nimmt von ihm.
Der
Song ist aus, dem Schweinderl reicht es auch. Sie verlässt die Tanzfläche und
geht zurück zum Schnallen-Hansi, der Gerard trabt ihr wieder nach. Auch das
Schweinderl ist inzwischen schwer gezeichnet vom Alkohol, da kommt der Arm vom
Schnallen-Hansi schon recht, der sich wieder um ihre Hüften legt. Er hält sie
wieder ganz leger.
Der
Gerard bestellt, trinkt, bestellt, trinkt. Schnallen-Hansi beginnt ein wenig
seine Hand auf Exkursion zu schicken und fummelt an Rücken und Arsch vom
Schweinderl. Er wird dabei immer mutiger und unverschämter, das Schweinderl
lässt alles willig mit sich geschehen.
„Du
Sau!“, schreit der Gerard plötzlich, „du richtige Sau!“ Er ist aufgesprungen
und hat sich vor dem Schweinderl aufgebaut. Die Lautstärke in der er schreit,
ist gerade am Rand zur Peinlichkeit. Wäre die übertönende Musik etwas leiser
gewesen, hätten sich alle im Disko-Tempel zum Gerard umgedreht, so aber zeigt
sich kaum jemand berührt.
„Geh,
halt die Goschn! Schleich dich!“ Schnallen-Hansi schubst den Gerard zurück und
holt mit seiner Rechten drohend aus. Dieser aber ist gebrochen und außerdem
nicht allzu gewaltbereit, schon gar nicht unter Alkoholeinfluss. Der Rausch
macht ihn eher müde und träge. So setzt sich der Gerard wieder brav auf seinen
Hocker und schmollt vor sich hin. Hin und wieder schaut er zu den Polstermöbeln
rüber, ganz hinten im Eck, wohin sich Schnallen-Hansi und das Schweinderl
nunmehr zurückgezogen haben. Eigentlich hat der Schnallen-Hansi das Schweinderl
hingezogen und in den Fauteuil gedrückt, sie aber hat es äußerst willig mit
sich geschehen lassen. Sie liegen noch eine ganze Weile mehr oder weniger
aufeinander und schmusen heftig. Das bekommt der Gerard noch mit. Auch noch,
dass sie plötzlich aufstehen und den Disko-Tempel verlassen, gemeinsam,
ungeniert Hand in Hand, vorbei an dem Platz, an dem die Schwester vom
Schweinderl und ihre zwei, drei Freundinnen gestanden sind. Die sind schon
längst zuhause, oder wo.
Der
Gerard bleibt alleine sitzen, säuft noch alleine weiter, solange, bis er
endgültig so betrunken ist, wie an jedem Samstag Abend. Dann geht auch er.
Fr.,
28.6.2002
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